Deutsche Geselschaft für Muskuloskeletale Medizin e.V. – Akademie Boppard

Manuelle Medizin/Chirotherapie – Manuelle Therapie

Zum 100sten Geburtstag von Dr. med. H.-D. Wolff

Am 10. Oktober würde Hanns-Dieter Wolff 100 Jahre alt.

Er war eine herausragende Persönlichkeit aus der Welt der Manuellen Medizin, ein begnadeter Arzt, ein großer Lehrer und Forscher. Ohne ihn hätte die Manuelle Medizin nicht so rasch die allgemeine Anerkennung in der universitären Medizin und ihren jetzigen hohen Standard in Deutschland erreicht.

1919 geboren in Neuenkirchen in der Lüneburger Heide, begann er nach Schule, Kriegsdienst und Studium 1953 als Nachfolger seines Vaters die ärztliche Tätigkeit. Hanns-Dieter Wolff kam erstmals in Berührung mit Handgriffbehandlungen, als er zunächst in der väterlichen Praxis in der Lüneburger Heide tätig war, und dort ein Schäfer ihm mit derartigen Heilmaßnahmen „Konkurrenz“ machte. Diesem Schäfer schaute er sich erstmals Handgriffe zur Behandlung seiner Patienten ab und wendete sie erfolgreich in der Praxis an. Es gab zu dieser Zeit wohl erste Kontakte zu einem in den USA ausgebildeten Chiropraktor, Werner Peper.

Im Jahr 1953 fand sich H.-D. Wolff mit 11 gleichgesinnten Kollegen zusammen, um in einem Kurs den seinerzeitigen Kenntnisstand der Chiropraktik zu erörtern. Diese zwölf Kollegen, welche als Keimzelle der Manuellen Medizin in Deutschland gelten, wurden künftig die “zwölf Apostel“ genannt, Wolff war einer dieser „Urgesteine“.

Im Dezember 1953 war er Mitgründer der Forschungsgemeinschaft für Arthrologie und Chirotherapie (FAC), die heutige Deutsche Gesellschaft für Muskuloskeletale Medizin (DGMSM). In ihr war er jahrzehntelang als Vorstandsmitglied und als Kurslehrer tätig.

1955 siedelte er nach Trier um, dort betrieb er dann eine ausschließlich wirbelsäulenorientierte Praxis.

In vielen Kursen und Vorträgen, auf Tagungen, Seminaren und Kongressen verbreitete H.-D. Wolff das anfangs von der Ärzteschaft misstrauisch aufgenommene Gedankengut der Manuellen Medizin leidenschaftlich in Wort und Schrift. Eines der wesentlichen Ergebnisse seiner Arbeit war die Einführung der Zusatzbezeichnung „Chirotherapie“.

Seit 1973 war er Lehrbeauftragter für Manuelle Medizin an der Orthopädischen Universitätsklinik Homburg/Saar. Im Sommer 1985 wurde ihm die „Ernst von Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer für Verdienste in der Fortbildung“ und die „Asklepios-Medaille der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes in Homburg“ (als erst zweitem Geehrten) verliehen. Auch zum 70. Geburtstag ehrt die Orthopädische Klinik Herrn Dr. Wolff mit einem Symposion über Manualmedizinische Themen.

Solange dies politisch möglich war, gab er Kurse in der damaligen DDR (bis ca. 1968). Bei den Jahrestagungen der Schweizer Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin (SAMM) war er ein gern gesehener Vortragender.

Er war ein Vordenker der Manuellen Medizin, die ohne ihn nicht das wäre, was sie heute ist: Ein anerkannter Bestandteil der universitären Medizin. Er hinterfragte die anfangs üblichen mechanistischen Vorstellungen (Subluxation, Verrenkung, herausgesprungener Wirbel, Nerveinklemmung) zu lokalen segmentalen Funktionsstörungen des Haltungs- und Bewegungssystems. Er befasste sich mit Biokybernetik, Schmerz- und Neurophysiologie. Die Ergebnisse seiner Arbeit wurden von namhaften Forschern wie Professor Hassenstein (Freiburg), den Professoren Mense und Zimmermann (beide Heidelberg) später bestätigt.

H.-D. Wolff führte die Manuelle Medizin weg vom mechanistischen Denken zu einem Denken in verschalteten Regelkreisen. Mit der kybernetischen Begriffskette „Materie – Energie – Steuerung“ und seinen Aufsätzen über „Abstand und Haftung“ (1978) und „Anmerkungen zu den Begriffen degenerativ und funktionell“ (1986) hat er die Erkenntnisse der Manuellen Medizin wissenschaftlich deutlich geprägt.

Die Ergebnisse seiner Arbeiten legte er in mehreren Ausgaben in seinen beim Springer-Verlag Heidelberg erschienenen Büchern „Neurophysiologische Aspekte der Manuellen Medizin“, „Der kranio-zervikale Übergang“, „Die Sonderstellung des Kopfgelenkbereiches“ und „Die obere Halswirbelsäule“ vor.

1981 führte er den Wechsel unserer Zeitschrift „Manuelle Medizin“ (deren Hauptschriftleiter er viele Jahre lang war) vom Haug- zum Springer-Verlag in Heidelberg durch. Unsere Zeitschrift, die heute die größte speziell manualmedizinische Zeitschrift weltweit ist, war nun nicht mehr eine Plattform von Außenseitermethoden, sondern integrierter Bestandteil der wissenschaftlich begründeten Medizin.

Er hätte viele seiner großen Aufgaben, die er anpackte, nicht bewältigen können, wenn seine liebe Frau ihm nicht den Rücken frei gehalten hätte. Zusammen mit ihr gründete er den Verein „Niemandskinder“ und war später Mitgründer der „Deutschen Liga für das Kind“, – Vereine, die sich für die Belange der Kinder in den ersten Lebensjahren einsetzen. 

Man sollte nun glauben, dass ein Mann mit großer Praxis, großer Familie und vielen ehrenamtlichen Aufgaben keine Zeit mehr für andere Dinge hätte. Weit gefehlt! Hanns-Dieter Wolff hatte auf dem Boden einer humanistischen Erziehung eine breite Allgemeinbildung erhalten. Nach dem Motto: „res severum, verum gaudium“ packte er auch Aufgaben an, die nicht unmittelbar mit der Medizin zu tun hatten.

Er besaß eine künstlerische Begabung, als Student und auch in späteren Zeiten malte er. Seine Sammlung von Porträts der Ordinarien der Universität Göttingen zu seinen Studienzeiten stiftete er schon vor 20 Jahren der Universität in Göttingen.

Die von H.-D. Wolff gedrehten Kurzfilme fanden große Anerkennung. Gelegentlich durften wir nach einer Tagung einen der Filme sehen. Wir erinnern uns gern an seinen Film „Glas und Blei“ oder an seine Darstellung des römischen Trier.

Ein weiteres Steckenpferd war die Paläontologie. Die Arbeiten über die Entwicklung der Kopfgelenke bei Wirbeltieren dokumentieren sehr eindrucksvoll, wie H.-D. Wolff sein medizinisches Arbeitsgebiet über die Bedeutung der Kopfgelenke umfassend und in einem großen entwicklungsgeschichtlichen Kontext sah und erforschte.

Berühmt waren auch seine Ansprachen an den Gesellschaftsabenden von Kongressen oder nach Kursen. Hier ließ er seinen Geist sprühen, trug lustige und nachdenkliche Geschichten und gelegentlich auch Gedichte vor. Er war ein sehr vielseitiger Mensch.

Im Trierer Rotary-Club galt er ebenso als Vordenker und Impulsgeber.

Hanns-Dieter Wolff starb am 05. Juli 2010 in Trier.

Wir denken zu seinem 100. Geburtstag an einen guten Freund und einen großen Arzt. Er wird allen, die ihn kannten, als Mensch und Manualmediziner unvergessen bleiben.
 
Sicher ist ihm zudem ein unauslöschlicher Platz in der Geschichte der Manuellen Medizin in Deutschland und in Europa.

Michael Graf, Trier